Ökolandbau flächendeckend

Carsten Niemann hat ein Ziel für die nächsten Generationen

Wir besuchten Carsten Niemann und seine Familie auf ihrem Biohof Ritzleben in Sachsen-Anhalt, den sie seit 1991 bewirtschaften. Damit war Carsten einer der ersten „West-Bauern“, die sich trauten, einen Hof in den neuen Bundesländern zu erwerben.

Die Entscheidung für einen Hof in Grenznähe fiel der Familie damals leicht. Sie hatten schon vorher nahe der Grenze gelebt, nur eben auf der anderen Seite. Sie kannten die Mentalität der Leute, und trauten sich zu, 14 Hektar mit Gemüse und Direktvermarktung zu bewirtschaften. Doch es kam anders: Für einen Plan, der den Erwerb von 100 Hektar und die Haltung von 60 Kühen vorsah, erhielt Carsten einen Kredit von 300.000 DM.

Darüber wirkt er heute noch erstaunt: „Das ging damals total unbürokratisch zu. Ich habe einen Antrag ausgefüllt, der eine Seite lang war und der Erfolg war ein richtiger Batzen Geld. Das wäre heute absolut undenkbar.“ Das erinnert an die Gründungsgeschichte der Bohlsener Mühle als 100 % Bio-Unternehmen in den späten 70er Jahren: Volker Krause berichtet aus den Anfangsjahren, dass auch die Hilfe eines Sparkassenchefs entscheidend war, der ungeachtet aller üblichen Kreditprüfungskriterien einen kaum gesicherten Anfangskredit gewährte. Bei beiden Gründungen sind es auch solche schnellen, direkten Entscheidungen gewesen, die florierende Betriebe möglich gemacht haben, weil Geldgeber von der Sinnhaftigkeit und der ökonomischen Perspektive beider Betriebe überzeugt waren.



Bio aus Überzeugung

Doch zurück zu Carsten: Schon als 17-jähriger war Carsten ein „Überzeugungstäter“ in Sachen Bio und positionierte sich als Mitbegründer der „Grünen Liste Umweltschutz“, für eine ökologische Politik. Übrigens eine der vier Gründungsorganisationen, aus denen 1980 die Partei „Die Grünen“ entstand. Trotzdem begann er nach dem Abi 1979 eine konventionelle Lehre in der Landwirtschaft.Wer Landwirtschaft lernen wollte, lernte sie konventionell.“ Das fundierte Wissen um ökologischen Landbau eignete Carsten sich deshalb ab 1981 durch ein Studium in Göttingen an. Nach seinem Abschluss übernahm Carsten zunächst einen Pachtbetrieb im Wendland, den er ökologisch bewirtschaftete. Dabei half, dass der Bruder von Carstens Frau Kathrin seine Bio-Erfahrungen teilte. Und wie Monika Tietke erwähnt auch Carsten, dass es eine große Sicherheit gab, dass die Bohlsener Mühle als guter Abnehmer von Bio-Getreide bekannt war.

Trotz der Umstellung auf ökologischen Landbau hat Carsten den Kontakt zu konventionellen Bauern immer gehalten, sei es als Mitglied im Bauernverband, oder sogar aktuell als Vorstandsmitglied des Bauernverbands Altmarkkreis Salzwedel e.V.. Carstens politisches Ziel ist es, irgendwann flächendeckend in Deutschland ökologischen Landbau zu haben – wenn auch vielleicht nicht während seiner eigenen Lebenszeit. Das ist seiner Überzeugung nach nur durch undogmatische Überzeugungsarbeit möglich. Deshalb versucht er, innerhalb und nicht von außen die Bauernschaft zu reformieren. Das unterscheidet Carsten von seiner Tochter Laura, die in drei Jahren seinen Hof übernehmen soll: Während es Carsten darum geht, gesamtgesellschaftlich die Landwirtschaft auf einen ökologischen Weg zu bringen und möglichst viel Flächenumstellung zu erreichen, setzt Tochter Laura auf einen anderen Weg: Sie ist mehr daran interessiert, innerhalb des Ökolandbaus zur „Speerspitze der Bewegung“ zu gehören.

Hofübergabe mit System

Carstens Plan ist es, in drei Jahren den Hof an Laura zu übergeben und mit Kathrin in seinen Heimatort Marwede zu ziehen. Marwede soll der „Alterssitz“ werden, obwohl Carsten und Kathrin für eine solche Entscheidung mit Mitte 50 noch recht jung sind. Aber beide möchten Laura und ihrem Mann Julian ermöglichen, dem Hof eine eigene Prägung zu geben und die Hofstelle so aufzustellen, dass sie zu ihren Vorstellungen passt.

Um den Übergang möglichst konfliktfrei und sicher zu gestalten, haben sich beide Familien für einen moderierten Prozess entschieden. Für die Dauer von drei Jahren werden beide Familien von einem Coach bei der Übergabe begleitet. Immerhin sind mittlerweile 500 Hektar landwirtschaftliche Fläche ökologisch zu bewirtschaften: ca. 90 Hektar Grünland, 60 Hektar Kartoffeln, 30 Hektar Mais, 70 Hektar Leguminosen und 200 Hektar Getreide.

Dabei war Laura die Mitarbeit in der Landwirtschaft nicht in die Wiege gelegt. Während der Schulzeit hatten Laura und ihre ältere Schwester keinerlei Ambitionen, den Hof zu übernehmen. Sie genossen aber das Landleben. Sicher ein Verdienst Kathrins, die ein Händchen dafür hat, es für sich und die Familie geborgen, schön und naturnah zu machen. So arbeitet Lauras Schwester heute glücklich als Berufsschulllehrerin. Ein Leben als Bäuerin wäre für sie unvorstellbar.

Und auch Laura wollte sich nach dem Abi zunächst orientieren und etwas von der Welt sehen: Also reiste sie für ein Jahr nach Australien. Sie entschied sich für „work & travel“: Man arbeitet vor Ort, um sich den weiteren Aufenthalt zu finanzieren. Sie war in diesem Jahr überwiegend auf landwirtschaftlichen Betrieben. Als sie aus Australien zurückkam, war für sie klar, dass Landwirtschaft ihre Perspektive sein würde. Nach einem landwirtschaftlichen Praktikum bei einem Freund ihres Vaters, studierte sie zunächst Agrarwissenschaften in Berlin. Sie wechselte dann aber von 2011-2014 nach Witzenhausen, weil sie die dortigen Studieninhalte mehr interessierten und der Austausch zwischen den Studierenden intensiver war.

Laura und Julian haben zwei Kinder: Lutz (3) und Fiete (6). Die Kinder waren ein Grund mehr, Mitte 2013 zu den Eltern aufs Land zu ziehen: Laura konnte mir der familiären Unterstützung ihre Abschlussarbeit schreiben. Julian konnte Carsten unterstützen und Fiete nach Herzenslust spielen, ohne dass seine Eltern Angst um ihn haben mussten. Ein Vorteil davon, dass der Hof vom eigentlichen landwirtschaftlichen Betrieb räumlich etwas getrennt ist. Seit dem Frühjahr 2016 arbeiten Laura und ihr Mann voll auf dem Hof mit, dabei ist es praktisch, dass Julian gelernter Schlosser ist. Neben Carsten, Laura und Julian hat der Hof zwei feste Mitarbeiter und einen Auszubildenden.

Die schönen Seiten im Blick

Während für Carsten ganz pragmatisch das Schönste auf dem Hof die neue Lagerhalle ist, sind die Frauen sich weitgehend einig: für Kathrin sind es die Marienkäfer und Lerchen, aber auch Mohn und der Duft von Kräutern. Laura haben es vor allem die Kuckuckslichtnelke und das aufgeblasene Leinkraut angetan. Sie hat ein großes Herz für „Kümmerpflanzen“, die auch unter widrigen Bedingungen wachsen. Beide finden: Das Drillen im Frühjahr, das Auflaufen des Getreides und die Wachstumszeit im Juni gehören zu den schönsten Zeiten im landwirtschaftlichen Jahr. Vielleicht weil sie Mütter sind? - Das Kümmern, Sorgen und die Entwicklung begleiten sie ganz nah. Vielleicht ist aber auch Carsten das Reden über die Schönheit der „Nebenwirkungen“ der ökologischen Landwirtschaft ein wenig unangenehm. Dass er ein ausgesprochen emotionaler Mann ist, merkt man im Gespräch mit ihm sofort, nur reden würde er vermutlich nicht drüber.