Grenzgänger zwischen Naturschutz & Landwirtschaft

Dr. Andreas Koopmann machte aus dem Hof Tütsberg einen Bioland-Betrieb

Andreas ist Experte für das Zusammenspiel von Landwirtschaft und Naturschutz. Gemeinsam mit seiner Frau, Dr. Heike Brenken, bewirtschaftet er den Landschaftspflegehof Tütsberg der Stiftung Naturschutzpark Lüneburger Heide.

Hof Tütsberg hat – wie jeder Hof - seine eigene Geschichte. Diese ist allerdings sehr besonders: der Hof, im 16. Jahrhundert erstmals urkundlich erwähnt, wurde 1928/29 von dem Verein Naturschutzpark Lüneburger  Heide erworben. Der Verein hatte sich zum Ziel gesetzt, das Gebiet der Lüneburger Heide nach dem Vorbild amerikanischer Nationalparks unter Schutz zu stellen. So entstand in der Lüneburger Heide das erste großflächige Naturschutzgebiet Deutschlands aus dem 1956 der erste Naturpark Deutschlands wurde.

Ökologische Bewirtschaftung der Heideflächen

Von 1994 bis 1998 arbeitete Andreas Koopmann für die „Alfred Toepfer Naturschutzakademie“. Alfred Toepfer, ein einflussreicher Hamburger Getreidehändler, war bis 1985 selbst Pächter von Hof Tütsberg und im Vorstand des VNP tätig. Ohne ihn sähe die Landschaft im Naturpark Lüneburger Heide heute komplett anders aus. Hätte er sich nicht mit so viel Elan, Überzeugungskraft und Geld für den Erhalt der Heidelandschaft eingesetzt, wäre sie heute stark zurückgedrängt, wenn nicht ganz verschwunden.



1985 lief der Pachtvertag mit Alfred Toepfer für den vereinseigenen Hof Tütsberg aus, und der neue Vorstand traf die Entscheidung, den landwirtschaftlichen Betrieb in Zukunft selbst zu bewirtschaften. Aus einem Pachthof wurde ein vereinseigener Landschaftspflegehof mit angestelltem Personal.

Mit der Entscheidung des VNP, die landwirtschaftlichen Flächen im Naturschutzgebiet auf ökologischen Landbau umzustellen und Andreas Koopmann als Betriebsleiter einzusetzen, durfte und musste Andreas sein Konzept, das er von 1994 bis 1998 an der Naturschutzakademie theoretisch ausgearbeitet hatte, 1999 gleich in die Tat umsetzen: „Die Suppe musste ich dann auslöffeln“, kommentiert Andreas schmunzelnd seine Anfänge auf dem Tütshof. Dabei war er gut gerüstet - der Titel seiner Fallstudie: „An Naturschutzzielen und historischer Heidebauernwirtschaft orientierte Landwirtschaft auf Sandböden“, die sich mit dem Landschaftspflegehof Tütsberg beschäftigt, weist den Weg seines zukünftigen Schaffens.

Betriebswirtschaftlich ist er „nur“ dem Ziel einer „schwarzen Null“ verpflichtet, denn die Bewirtschaftung des Hofes und der Kulturlandschaft sind nicht gewinnorientiert ausgerichtet. Das hilft, Naturschutz und Landwirtschaft zu vereinbaren. Seine Frau Heike ist Doktorin für Landschaftsplanung. So konnte sie bei der Planung und Bewirtschaftung des Heidegebietes sofort mit einsteigen. Zusätzlich komplettieren zweieinhalb landwirtschaftliche MA-Stellen, vierzehn Schäfer, ein Fischwirt, ein Azubi Landwirtschaft und ein Azubi Tierwirt, Praktikanten und FÖJler das Team, das den Tütshof und die riesige Fläche bewirtschaftet. „Die zu bewirtschaftenden Flächen erinnern im Ausmaß an alte LPG-Größenordnungen“, sagt Andreas wenn er an 450 Hektar Ackerflächen, 450 Hektar Grünland, 40 Hektar Teichfläche und 4450 Hektar Heideflächen denkt.

Der Tütsberg wird Bioland-Betrieb

Durch das Engagement von Andreas wurde der Tütsberg 1999 zum Bioland-Betrieb. Bereits seit 1988 wurde auf chemischen Pflanzenschutz verzichtet, elf Jahre später folgte die Umstellung auf ökologischen Landbau nach Bioland- Richtlinien.

Ein wichtiges Arbeitsfeld von Andreas und seinem Team ist der Erhalt alter regionaler Kulturarten und -sorten. Auf den nährstoffarmen Sandböden werden Kulturpflanzen angebaut und vermarktet, die zu dem besonderen Standort passen und typisch für die Region sind oder waren. So wachsen auf den Äckern des Tütshofes zum Beispiel Buchweizen und Sandhafer, früher häufig angebaute Heidekulturpflanzen. Sie kommen gut mit den sehr nährstoffarmen Böden zurecht. Aber auch Roggen, Gerste, Hafer und Dinkel sowie Lupinen und Inkarnatklee werden angebaut – vor allem zur Saatgutvermehrung.

Auf einem kleinen Teil der Ackerfläche wird historische Heidebauernwirtschaft mit zehnjähriger Fruchtfolge demonstriert. Auf diesen Flächen stellte sich die typische, wertvolle Ackerbegleitflora nährstoffarmer Standorte wieder ein. Auch bei den erwerbsmäßig genutzten Äckern von Hof Tütsberg ist die Vielfalt  hoch: 195 Pflanzenarten wurden bei einer Kartierung auf den Äckern und Ackerrändern gezählt.

Folgen der ökologischen Landwirtschaft auf Flora und Fauna

Seit der Umstellung auf Bio und der Wiederaufnahme der historischen Heidebauernwirtschaft, haben vor allem kleinwüchsige Arten eine Chance zu gedeihen. Dazu gehören auch seltene oder bedrohte Pflanzen wie zum Beispiel das Lammkraut.

Aber nicht nur für die Ackerwildkräuter sind die lichteren Bestände gut, sondern auch für die Getreidepflanze: „Mit einer 10er Potenz mehr Licht, gedeihen auch die Getreidepflanzen besser“, sagt Andreas. „Ein dichter Bestand hätte auf den sandigen Heideflächen mit geringen Niederschlägen keine Chance. Bei Trockenphasen würden die Bestände zusammenbrechen."

Auf den ökologisch bewirtschafteten Flächen registriert Andreas nicht nur einen starken Zuwachs an Ackerwildkräutern, sondern auch der damit einhergehenden vielfältigen Ackerbegleitfauna. Unter Ackerbegleitfauna versteht man die Tiere, die lichte Äcker als Lebensraum und Ackerwildkräuter und begleitende Insekten als Futter benötigen. Gleichzeitig sind diese Tiere Indikatoren für einen intakten Lebensraum. Zu Leitarten gehören im Naturschutzgebiet Lüneburger Heide zum Beispiel das Birkhuhn, das Rebhuhn und die Wachtel. Naturschutzexperten wissen: Ist das Birkhuhn da, ist das ökologische System intakt. Fehlt es, gehen die Experten davon aus, dass auch andere Tiere innerhalb des Öko-Systems nicht mehr lange zu finden sein werden.

Neben der ökologischen Bewirtschaftung der landwirtschaftlichen Nutzflächen gehört natürlich die Erhaltung großer Heideflächen durch die Beweidung mit Heidschnucken zu Andreas wichtigsten Aufgaben: Sieben Heidschnucken-Herden mit etwa 4000 Tieren und 500 Ziegen sowie rund 30 Dülmener Pferde und 35 Mutterkühe beweiden 4.450 Hektar Heide und Magerrasen. Zur Winterfütterung werden Heu und Silage von den Mähweiden und einem Teil des Ackerlandes gewonnen.

Eine besondere touristische Attraktion sind die Dülmener Pferde, die in den Großkoppeln von Hof Tütsberg weitgehend frei und wild leben können. Vor allem Heike hat sich dem Erhalt der Dülmener Pferde verschrieben. Die Pferde stehen auf der „Roten Liste der gefährdeten Haustierrassen“. Der aktuelle Bestand der Dülmener von Hof Tütsberg beträgt insgesamt rund 30 Pferde, die auf 300 Hektar Großkoppeln im Radenbachtal und am Tütsberg stehen. Trotz dieses vergleichsweise geringen Pferdebestandes ist der VNP somit heute bereits zu einem der größten Halter von Dülmener Pferden geworden und trägt maßgeblich zum Rassenerhalt bei.

Andreas hat mit der Verbindung von Naturschutz und Landwirtschaft das Arbeitsfeld gefunden, das ihn am meisten begeistert. Bereits während des Studiums zum Agrarwissenschaftler in Göttingen beeindruckte und inspirierte ihn die Vielfalt und die geistige Weite eines „studium generale“. Als „Landwirt mit besonderen Aufgaben“ ist es genau diese Bandbreite, die ihn herausfordert. In diesem glücklichen Fall haben Andreas und Heike den Tütshof gefunden und der Tütshof sie.