Bewahrung der Schöpfung

Fried von Bernstorff über Tradition, Nachhaltigkeit und Zukunft

Eigentlich waren wir in der Forstverwaltung verabredet. Eigentlich, denn Axel Vohwinkel, der Leiter der Landwirtschaft der Gräflich Bernstorff'schen Betriebe, hatte einen nächtlichen Anruf erhalten, dass er in aller Frühe zum „Waldgarten“ müsse: Eier einsammeln war angesagt. Also machten wir uns auf den Weg zum Waldgarten und hatten Glück.

Wir trafen nicht nur Axel Vohwinkel, sondern auch seinen Chef, Fried Graf von Bernstorff, im „mobilen gräflichen Hühnerstall“ an. Das verwundert zunächst, denn der Bernstorff'sche Besitz ist in erster Linie ein geschlossener Waldkomplex von 5.700 Hektar. Doch der Zusammenhang zwischen Wald und ökologischer Hühnerhaltung erklärt sich in mehrfacher Hinsicht organisch.

Das verbindende Element ist die Nachhaltigkeit, die für die Bernstorffs seit Generationen Familienthema ist. Bei den Gartower Gesprächen, die einmal im Jahr stattfinden, geht es darum, wie der Wald so bewirtschaftet werden kann, dass Natur- und Klimaschutzziele bei gleichzeitiger ökonomischer Absicherung erreicht werden können. Bereits Andreas von Bernstorff, der Vater des jetzigen Besitzers, setzte konsequent darauf, vertikal und horizontal gestaffelte Wälder aufzubauen. Durch diese Schichtungen und dem Vermeiden von Monokulturen werden Lebensräume mit ausreichend Futter und Verstecken sowie ein geeignetes Kleinklima für Waldbewohner geschaffen. Die Artenvielfalt der Forstbäume und deren Nutznießer sind dementsprechend höher als in reinen Kiefernschonungen.



Bewahrung von Familientradition

Nach der Übergabe des Betriebes an den ältesten Sohn Fried ging es allerdings noch um mehr: „Zu einer naturnahen Forstwirtschaft, die wir bereits seit Jahrzehnten betreiben, passte in meinen Augen kein landwirtschaftlicher Betrieb, in dem chemisch gedüngt und Unkraut mit Glyphosat vernichtet wird. Seit ich Eigentümer des Familienbesitzes bin, haben wir deshalb 2012 auf ökologischen Landbau umgestellt. Die Eier von unseren Hühnern sind sogar in demeter-Qualitität."

In Sri Lanka haben Fried von Bernstorff und seine Frau Catharena van Zyl die dortige Art der Hühnerhaltung kennengelernt und waren davon so überzeugt, dass sie das Konzept kurzerhand im Wendland umsetzten: Jedes Huhn bekam seinen eigenen Baum. So wurden 6.000 Bäume auf dem relativ kleinen Areal des Waldgartens gepflanzt. Das hat den Hintergrund, dass Hühner den Schutz der Bäume suchen um vor Feinden wie dem Habicht geschützt zu sein. Haben sie diesen Schutzraum nicht, trauen sie sich oft nicht aus dem Schutz des Stalles heraus.

Heute werden im Waldgarten auf einer Fläche von rund 100 Hektar Ackerbau, Obstbau, Forstkulturen sowie die Haltung landwirtschaftlicher Nutztiere miteinander verbunden. So soll in einem zum Hutewald umgenutzten Pappelbestand demnächst auch eine alte dänische Schweinerasse angesiedelt werden.

Bei der Vermarktung geht es Fried von Bernstorff vor allem um exquisite Lebensmittel. Da sind zum einen jedes Jahr 600 Stück Schalenwild, die verarbeitet werden müssen. Demnächst kommen noch Schweine dazu und auch die Hühner werden vermarktet, wenn auch „nur“ als Suppenhühner, weil die Hühner vor allem für das Eierlegen zuständig sind.

Außerdem soll der Küchengarten, der früher der Kirchgarten war, weiter ausgebaut werden, damit den Verbrauchern auch Gemüse angeboten werden kann. Den Weg zum Kunden finden die Produkte bereits jetzt über einen kleinen Hofladen vor dem Schloss. Dort werden eigene Wurst- und Fleischwaren genauso angeboten, wie Erzeugnisse regionaler Hersteller: zum Beispiel Säfte von Voelkel und Kekse von der Bohlsener Mühle, an die Graf von Bernstorff auch Bio-Getreide liefert.

Das Hauptaugenmerk von Herrn von Bernstorff gilt allerdings Spitzengastronomen. Fried von Bernstorff setzt bei der Vermarktung zu 100 Prozent auf Kulinarik: „Bei High End-Produkten ist Bio sowieso völlig selbstverständlich und muss eigentlich gar nicht mehr mit kommuniziert werden.“ Nicht nur an dieser Stelle wird deutlich, dass Fried von Bernstorff seine Überzeugung auf Bio umzustellen, nicht vorrangig aus der Motivation speist, die Bio-Bewegung zu fördern.

Treibende Kraft ist die jahrhundertealte Familientradition und deren Bewahrung in der Zukunft. Fried von Bernstorff versteht sich als Mitglied einer neuen Generation grüner Denker. Diese sind häufig mit einem ökonomischen Background ausgestattet und haben Natur und Geschäft gleichermaßen im Auge. Gleichzeitig ist er Verwalter des Familienerbes. Sein Ziel ist es, den ganzen Besitz nicht nur als wirtschaftliche, sondern auch als kulturelle Einheit zu erhalten, nachhaltig zu bewirtschaften und die Basis ständig zu verbessern.

Dabei ist die Bewahrung nur möglich, wenn eine ständige Anpassung an sich verändernde Zeiten stattfindet. In der Bernstorffschen Familie wird das Fideikommissrecht aufrechterhalten. Das ist zwar zivilrechtlich heute nicht mehr relevant, soll aber verhindern, dass zum Beispiel Grund und Boden sowie Vermögen zersplittert werden. Dem ältesten Sohn fällt so die Lust aber auch die Verpflichtung des gesamten Erbes zu: der Besitz ist als ein Ganzes zu betrachten und dem Prinzip der Nachhaltigkeit verpflichtet.

Boden stärken ohne Stickstoff

Dazu gehört für Fried von Bernstorff auch eine nachhaltige Bodenbewirtschaftung. Mit einer humusaufbauenden neuen Technologie will er CO2 binden und die Bodenfruchtbarkeit stärken. Im Zusammenhang mit diesem Thema greift Graf von Bernstorff auch zu radikaleren Formulierungen. Was heute auf den industriell gemanagten Feldern passiere, sei auch auf finanzieller Ebene nicht mehr lange durchzuhalten. "Es hat nichts mit ökologisch-esoterischem Gutmenschentum zu tun, wenn man einem konventionellen Landwirt sagt: ‚Du, Stickstoff wird in 20 Jahren zehn Mal so teuer sein wie heute, und außerdem werden alle landwirtschaftlichen Subventionen gestrichen. Du hast auf unseren nährstoffarmen Böden nur dann ökonomisch eine Chance, wenn du dich von Kunstdünger unabhängig machst.‘ Viele Betriebe setzen heute Glyphosat ein, den Kernbestand von Agent Orange, das im Vietnamkrieg zur Entlaubung der Wälder verwendet wurde. Da lebt kein Regenwurm mehr. Das ist wie eine landwirtschaftliche Petrischale."